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Monday, October 8, 2012

Wachstum im Wandel - Konferenz, erster Tag

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Allerorts ist - verstärkt seit der Wirtschaftskrise - von dem Wunsch nach einem "grünen Wachstum", nach einer "green economy" zu hören - in den Medien, in den neuen Strategiepapieren der EU, in Eröffnungsreden von Politikern. Es scheint, als rede jeder gerne über die Vorstellung eines Berges an "green jobs", die uns jungen Erwerbstätigen den Wohlstand von heute und von der Zukunft sichern und dabei gleichzeitig "die Umwelt retten" sollen. Worthülsen haben sich schon immer als sehr nützlich erwiesen.. aber wo stecken die wahren Konzepte? Konkrete Ideen, wie wir - endlich - die brennendsten Probleme angehen können? Dieser Tage werden Fragen wie diese bei der "Wachstum im Wandel" Konferenz in Wien diskutiert und ich möchte euch an dieser Stelle einen kleinen Einblick aus meiner Sicht vor Ort in die aktuelle Diskussion geben.

Im Eröffnungspanel wurde daran erinnert, dass wir uns als Gesellschaft klarer ausdrücken müssen, wenn wir von der Notwendigkeit von "Wachstum" sprechen. Was genau meinen wir denn damit, wenn wir sagen, "wir müssen wachsen"? Der Prager Ökonom Tomáš Sedláček, Autor von "Die Ökonomie von Gut und Böse", enttarnte das gern benützte "wir müssen" sogleich als ein "wir wollen", und das Wörtchen "wachsen" - so eng, wie es im BIP definiert ist, nämlich rein in Geldwerten - als ein "reicher werden".. Der Satz sagt also kurz und bündig nichts anderes aus als "wir wollen reicher werden". Auch die Soziologin Marina Fischer-Kowalski betonte die Wichtigkeit, genauer zu sagen, was wir mit "Wachstum" meinen - denn das weitere physische Wachstum (also z.B. im Verbrauch von Rohstoffen) ist in einer begrenzten Welt schlicht unmöglich. Allein im 20. Jahrhundert haben wir unsere jährliche Rohstoff-Entnahme von der Erde versiebenfacht, und wir sind auf dem besten Weg, so (und verstärkt) weiterzumachen - nur, dass das im 21. Jahrhundert nicht weiterhin möglich sein wird, denn die physischen Grenzen unseres Planeten sind längst erreicht.

Warum also nicht der Wahrheit ins Auge schauen? Selbst der Vorstandsvorsitzende eines Weltkonzerns, der REWE International, Frank Hensel, sagt im Schlusspanel des heutigen Tages klipp und klar, dass es schon heute in Europa de facto kein Wirtschaftswachstum mehr gibt. In Asien, in Südamerika, den emerging economies - dort findet das vielbeschworene Wachstum heute statt, und dorthin wird sich auch die ökonomische Dominanz zweifelsohne verlagern.

Wir in Europa sollten diese Krise endlich als das erkennen, was sie ist: Eine Chance für einen wirklichen, fundamentalen Wandel - dass wir als Gesellschaft den für uns längst überfälligen Schritt gehen, vom sinnentleerten Überfluss einer kleinen Elite hin zu einer breiten und gerechten Verteilung von Lebens- und Gestaltungschancen für alle Menschen, ohne dass wir die Chancen von Menschen in anderen Weltregionen, oder auch unserer eigenen Kinder und Kindeskinder in der Zukunft, dabei zerstören. Wohlstand muss also völlig neu definiert werden - es kann keinen Wohlstand auf Kosten anderer geben.

"Wachstum" wurde auf der Konferenz von Tomáš Sedláček als Fetisch beschrieben - ähnlich wie der Fetisch der "Nation", der im 19. Jahrhundert sehr stark war und der uns zwei Weltkriege eingebracht hat. Seine Allegorie zu Tolkiens Ring der Macht, einem anderen Fetisch, der letztendlich im Schicksalsberg vernichtet werden musste, gefiel mir sehr gut. Dadurch wird deutlicher, dass letzten Endes auch die ganze Wachstumsdiskussion ein zeitgeistiges Phänomen unserer Zeit ist, das auch wieder vergehen und Neuem weichen wird - wie aber dieser Übergang geschieht, ob er überlegt und sorgsam, oder plötzlich und mit vielem Leid verbunden sein wird, das liegt jetzt in unseren Händen.

Wer ist aber eigentlich "wir"? Kann damit wirklich die gesamte Gesellschaft gemeint sein? Was ist mit der einen Million Österreichern, die - im achtreichsten Land der Welt - an oder unter der Armutsgrenze leben? Sie haben nicht einmal die Möglichkeit, an Gestaltungsprozessen teilzunehmen. Was es braucht, ist eine wachsende Schicht derer, die am eigenen Beispiel vorzeigen, wie es gehen könnte. Jetzt und heute, hier im konkreten Leben. Und die schließlich eine kritische Masse erreichen.

Und dabei wird es nicht reichen, ein kleines Rädchen hier, ein Rädchen da zu drehen. Bio einkaufen und Prius fahren ist nicht die Lösung - es geht um einen ganzheitlichen, einen systemischen Wandel, der zuallererst einmal im Denken, in unseren Werthaltungen beginnt. Wir müssen unsere eigenen Einstellungen hinterfragen: Wie wollen wir unsere Arbeitswelt in Zukunft gestalten, wie gehen wir mit Arbeitsleistung abseits der klassischen Erwerbsarbeit um? Bei diesen Fragen wird recht bald deutlich, dass die Gesamtleistung einer Gesellschaft gar nicht so stark abhängig von Wirtschaftswachstum ist wie allgemein angenommen. Damit kommen wir auch zu der Frage, wie wir unsere Sozialsysteme gestalten wollen, wenn es kein Wachstum mehr geben wird - und diese Frage kommt definitiv sehr bald auf uns zu.

Oft wird das Argument, dass wir einen Weg entwickeln müssen, ein gutes Leben mit weniger zu führen, mit einer rückwärtsgewandten Debatte "zurück zum Mittelalter" verwechselt - aber darum geht es gar nicht. Es geht um die Frage, wie wir unsere moderne Wissensgesellschaft, die sich aus der Industriegesellschaft heraus entwickelt hat, gestalten wollen. Wie wichtig ist es für unser Wohlergehen, dass in schnellem und immer schnellerem Ausmaße wieder neue Produkte auf den Markt geworfen werden? Was genau gehört eigentlich zum persönlichen Glück dazu?

Die deutsche Ökonomin Angelika Zahrnt sagt, dass wir uns auf eine Postwachstumsgesellschaft einstellen müssen - und dass wir HEUTE politische Konzepte entwickeln müssen, um den Übergang allmählich und gut verträglich zu schaffen. Steuerungsmechanismen (wie z.B. Steuern auf den Flugverkehr) und realistische Preisgestaltung (also Produkte, bei deren Preis die realen Umwelt- und sozialen Kosten abgebildet sind, die sie verursachen) könnten hier viel beitragen, ohne die Menschen zu bevormunden, wie es etwa bei Verboten der Fall wäre. Die neoliberale Ökonomie hat darin versagt, die Verteilung von Ressourcen in der Gesellschaft gerecht zu regeln - jetzt müssen andere Politikbereiche wieder gestärkt werden, damit sich die notwendigen neuen Konzepte durchsetzen können.

Viel Anregung zum Nachdenken - der heutige Tag war sehr intensiv, und ich bin schon gespannt auf die weiteren zwei Tage der Konferenz. Die Paneldiskussionen können übrigens auf der Konferenzwebsite angesehen werden.

Über eure Reaktionen im Kommentarteil freue ich mich - was sind eure Gedanken zu dem Thema?

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